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STUDIUM / An der Uni wird nicht nur geforscht
Was eine Bodenseefähre mit Mathe zu tun hat


Ein bisschen aufwendiger als das Rechnen mit dem Abakus ist die Mathematik an der Universität durchaus. FOTO: WODICKA BILDERBOX
 
Heutzutage wird man sie an der Uni kaum noch finden, die weltfremden Forscher, die vor lauter Vergeistigung unterschiedliche Socken tragen. Dass dies nur ein Klischee ist, dafür steht zum Beispiel Karsten Urban, der zeigt, dass selbst Mathe mehr als nur abstrakte Theorie ist.
 
BERND HAASE
 
Die Mathematik hat es so an sich, dass sie für viele wie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Was vielleicht daran liegt, dass sie auf den ersten Blick so wenig mit dem täglichen Leben zu tun hat. In Ordnung, Zahlen begegnen uns laufend, nicht nur im Matheunterricht. Aber Formeln und Gleichungen? Wer zum Beispiel mit einer Bodenseefähre in den Hafen von Lindau fährt, mag vielleicht das Können des Steuermanns bewundern, aber nicht vermuten, dass das Ganze ohne die Mathematik kaum möglich wäre.
 
Mit Schiffsantrieben beschäftigen sich jedenfalls die Mathematiker an der Uni Ulm. Es geht um den Voith-Schneider-Propeller, einen Schiffsantrieb, mit dem Boote zum Beispiel auf der Stelle wenden können. Schlepper brauchen so etwas. Oder eben Fähren. Diesen Antrieb gibt es zwar schon mehr als 75 Jahre, doch der Ulmer Mathematik-Absolvent Sebastian Singer hat in seiner Diplomarbeit ein Verfahren entwickelt, mit dem dieser Propeller einfach besser arbeitet.
 
Die Universität, die Gralsburg der Grundlagenforschung, ist in der Praxis gelandet. Weltabgewandte und total vergeistigte Forscher findet man dort jedenfalls nicht mehr so leicht. Wer lehren will, muss auch wissen, welches Wissen heute gefragt ist. Aber wo liegt dann noch der Unterschied zur Fachhochschule? "Die Fachhochschule ist immer noch ein Stück Berufsausbildung. An der Universität wird dagegen mehr selbstständiges Forschen verlangt. Da geht es über das reine Anwenden von bekanntem Wissen hinaus", erklärt Mathe-Professor Karsten Urban. Und Forschen kann ja auch praxisorientiert sein. "Im Grundstudium gibt es sicherlich nicht viel Praxisbezug", schränkt Urban ein. "Aber im Hauptstudium nehmen wir die Themen direkt aus der Wirtschaft." Das mag auch daran liegen, dass die Wirtschaftsmathematik, ein Fach, das an der Uni Ulm entwickelt wurde, von vorneherein anwendungsorientiert ausgerichtet ist. Hier sind nicht nur mehrere Disziplinen vereint, sondern das Fach hat sich auch zur Aufgabe gemacht, aktuellen und zukünftigen Problemen der Wirtschaft Abhilfe zu schaffen.
 
Das hört bei Schiffsantrieben nicht auf. Dass zum Beispiel alte Schallplatten ohne Knackser auf CDs übertragen werden können, sei die Gemeinschaftsleistung von Mathematikern und Ingenieuren. Oder: Das Wissen, mit dem digitale Bilder komprimiert werden können, sei vor 20 Jahren noch völlig theoretisch gewesen. So schnell kann Grundlagenwissen in den Alltags-Gebrauch kommen.
 
Für Karsten Urban selbst stand bereits in der neunten Klasse fest, dass er einmal Mathematik studieren wird. "Ich hatte einfach einen Mathelehrer, der mich schlicht begeistert hat", erklärt er die frühe Entscheidung. Was sich alles damit anstellen lässt, "darüber habe ich erst im Studium nachgedacht". Ihn habe begeistert, dass in der Mathematik Aussagen rigoros bewiesen werden: "Entweder sie ist wahr oder nicht." In den Geisteswissenschaften dagegen lässt sich über Thesen genussvoll fachlich streiten.
 
ONLINE-INFO
 
http://www.mathematik.uni-ulm.de
 

 
 

Erscheinungsdatum: Dienstag 16.03.2004
Quelle: http://www.suedwest-aktiv.de/

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